Ellen Schweizer (39), hilft blinden Kindern, die Welt zu entdecken

MIT DEN OHREN SEHEN

Blind bedeutet nicht, hilflos zu sein. Mit ihrem Verein „Anderes Sehen“ setzt sich die Berlinerin dafür ein, dass blinde Kinder besser durchs Leben kommen.

Mit Klicksonar – einer speziellen Zungenschnalz-Technik

Juli ist vier. Mit dem Selbstbewusstsein, das nur kleine Kinder haben, geht sie durchs Leben. Am liebsten wirft sie Knallerbsen auf den Boden. Sie liebt Gummibärchen und ihr rotes Rad, mit dem sie wie andere Kinder durch den Park fährt. Einen Unterschied allerdings gibt es: Juli ist blind. Deshalb „schnalzt“ sie sich mit ihrer Zunge durch den Alltag. Juli „hört“, was andere Menschen sehen.

Klicksonar heißt die Methode, bei der blinde Menschen mit der Zunge ein scharfes Klick-Geräusch erzeugen. „Das Echo kommt von den Objekten der Umgebung zurück zum Ohr. Je nachdem, was für ein Gegenstand es ist, wie weit weg er ist oder wie groß, ist das Echo anders. Geschulte Gehirne können diese Unterschiede erkennen und dann zu Bildern zusammensetzen“, erklärt Julis Mutter, Ellen Schweizer.

Angefangen hat alles vor zwei Jahren. Bei Youtube stößt die Grafikdesignerin auf ein unglaubliches Video: „Da war ein blinder Junge zu sehen, der Rad fährt, sogar Skateboard um Hindernisse herum. Ich dachte zuerst, das sei ein Trick!“ Ist es nicht: Der Junge im Film orientiert sich mit Ohren und Zungenklicks. Sofort sucht die Berlinerin nach Ausbildern für diese Methode in Deutschland – und findet nichts: „Niemand hier nutzte Klicksonar!“

Doch Julis Eltern sind keine, die aufgeben. Sie wollen bessere Startchancen für ihre Tochter und die anderen rund 2000 blinden Kinder in Deutschland. 2011 gründen sie den Verein „Anderes Sehen“ und organisieren Workshops, bei denen US-Experten die Technik unterrichten, die blinde Menschen unabhängiger macht.

Juli schnalzt seit fast zwei Jahren. „Sie macht das super! Wir schnalzen auch, genauso die Erzieher. Denn Kinder lernen durch Nachahmung“, sagt Ellen Schweizer. Aber „Anderes Sehen“ steht noch für viel mehr. „Blinde Kinder werden oft unterfordert! Dabei müsste das nicht so sein.“

Ellen Schweizers nächstes Herzensprojekt sind Bücher für blinde Vorschulkinder – „da gibt es keine Auswahl und niemand fühlt sich zuständig. Also nehmen

wir das jetzt selbst in die Hand.“ Ein Buch hat „Anderes Sehen“ schon herausgebracht. Allerdings ist die Herstellung der kleinen Kunstwerke, in denen die Kinder Bilder ertasten können, reine Handarbeit und sehr teuer. „Mein Traum? Dass es bald 50 verschiedene Bücher gibt. Jedes Kind hat doch das Recht auf Bücher und Bildung.“

Stand 2013

05032 Schweizer17 A
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