Christine Wichert (49), bringt Menschen zusammen

GEMEINSAM STATT EINSAM

Sie weiß, wie es sich anfühlt, keine Familie zu haben. Darum schafft Christine Wichert mit ihrem Verein „Wahlverwandtschaften“ – und füllt so die Leere im Herzen vieler Menschen

Christine Wichert ist eine erfolgreiche Frau. Sie hat einen Doktortitel, einen Freund, kennt Gott und die Welt. Und trotzdem hat ihr lange etwas von Herzen gefehlt: Familie!

Ihre Halbschwester stirbt an Epilepsie, da ist Christine 24 Jahre alt. Als ihr Vater bei einem Segelunfall ertrinkt, ist sie gerade 26 geworden. Und sechs Jahre später verliert sie ihre Mutter, sie stirbt an Lungenkrebs. „Andere Verwandte habe ich nicht“, sagt die Betriebswirtin. „Ich war allein.“

Wie groß die Lücke ist, erkennt Christine 2001. Auf einer Reise nach China lernt sie zwei ältere Damen (beide 71) kennen. „Die Freundschaft zu Ada und Ilse wurde schnell so eng, als wären sie meine echten Mütter. Ich war glücklich!“ Auch nach dem Urlaub sehen die drei sich regelmäßig, besuchen sich zu Muttertagen, telefonieren, feiern Geburtstage und Weihnachten. „Ich hatte endlich wieder Verwandte! Menschen, die mich bedingungslos lieben. Wunderschön.“

Christine weiß, wie viele Menschen einsam sind. Einsamkeit ist die größte Krankheit unserer Zeit: Schon heute bestehen 41 Prozent aller Haushalte aus nur einer Person. Sie gründet „Wahlverwandtschaften e.V.“, um anderen das zu schenken, was sie selbst durch Zufall fand: familiäre Nähe. „Einsamkeit ist bei uns ein Tabu, zu dem sich nur wenige Menschen bekennen. Zuzugeben, dass man Sehnsucht nach Vertrautheit hat, fällt vielen schwer. Viele Leute schämen sich, keine Familie zu haben. Oder sich mit der eigenen nicht zu verstehen. Dabei gibt es so viele einsame Erwachsene!“

Seit 2009 hilft Christine Wichert diesen Menschen, „Wahlverwandte“ zu finden, generationsübergreifend. Was verrückt klingt, funktioniert: Bei Treffen an den Standorten Krefeld und Mönchengladbach und über die Vereins-Internetseite finden sich neue -Geschwisterpaare, Wahl-Mütter und Wahl-

Töchter und andere Menschen, die sich nach familiärer Nähe sehnen.

So wie Ulrike Hampe (69) und Romana Straub (63) aus Krefeld. Die beiden sind seit knapp zwei Jahren Wahlschwestern. Die eine suchte nach dem Tod des Vaters eine Vertraute, die andere war gerade aus Norddeutschland nach Krefeld gezogen. Bei einem Treffen der „Wahlverwandtschaften“ lernen sie sich kennen und mögen. „Wir reden viel und wir unternehmen viel“, sagt Romana. „Ulli gibt mir etwas, was meine Freundinnen und auch mein Mann mir nicht geben können. Sie ist für mich wirklich eine Schwester.“ Das unterscheidet die „Wahlverwandtschaften“ von zum Beispiel einem Sportverein: „Bei uns trifft man Menschen, die sehr offen sind. Weil wir alle die Absicht haben, jemanden richtig kennenzulernen.“

Christine Wichert ist klar, dass die „Wahlverwandtschaften“ kein Allheilmittel gegen Einsamkeit sind. „Wir sind nur ein kleiner Verein, der versucht, dem Zufall nachzuhelfen. Aber wenn es klappt, dann sind wir glücklich. Familiäre Geborgenheit fühlt sich so wundervoll an – jeder sollte sie erleben dürfen.“

Stand 2014

11048 ChristineWichert 155
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Konto 0128391100 | BLZ 65180005
www.wahlverwandtschaften.org