Eva-Maria Weigert (58)

BEIM TANZEN GIBT ES KEINE GRENZEN

Wie hält eine Kinderseele das aus, alles zu verlieren – die Heimat, die Freunde, das Lachen? Beim Münchner Projekt „Freudentanz“ finden die jüngsten Kriegsflüchtlinge Halt.

Wenn Zeynab tanzt, ist der Kummer weit weg. Die kalten Flure des Flüchtlingsheims, der Krieg, vor dem sie geflohen ist, die ständige Angst. Beim „Schleiertanz“ stampft sie mit den kleinen Füßen, wedelt mit dem bunten Schleier und wirft die Hände in die Luft. „Ist das nicht toll!?“, ruft Eva-Maria Weigert, die im Takt mitklatscht. „Die Kinder zeigen ihre Gefühle, toben sich aus, vergessen den Alltag.“

Vor 13 Jahren hat die vierfache Mutter das zum ersten Mal beobachtet: Sie arbeitete ehrenamtlich in einem Münchner Flüchtlingsheim, es war ein verregneter Nachmittag, die Kinder starrten stumm vor sich hin – bis sie anfingen, zu Musik aus dem Fernsehen zu tanzen. Plötzlich war da Lebensfreude. In diesem Moment kommt Eva-Maria Weigert die Idee. „Freudentanz – das grenzenlose Tanzprojekt“ ist geboren: „Wir haben einfache Tänze einstudiert und aufgeführt, schnell waren über hundert Kinder dabei“. Genauso rasant wächst das Projekt weiter: Heute engagieren sich rund hundert Ehrenamtliche für die Intiative, sie geben auch Nachhilfe und unterstützen die Familien der Kinder, zwei Mal im Jahr findet ein großer Tanzwettbewerb statt. Inzwischen ist der Caritasverband Träger, und in ganz München gibt es Tanzgruppen, viele werden sogar für Auftritte gebucht.

So wie Aichas Gruppe. Die 23-Jährige war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg im afrikanischen Angola floh, hier Zuflucht suchte: „Ohne Deutsch zu können, ohne Freunde. Ich hatte nicht viel außer dem Tanz und der Musik.“ Heute macht Aicha eine Ausbildung zur Hotelfachfrau – und leitet selbst ein kleines „Freudentanz“--Ensemble. Sie möchte weitergeben, was sie damals von Eva-Maria Weigert bekommen hat: Geborgenheit, ein kleines Stück Heimat in der Fremde.

Über 35 000 minderjährige Flüchtlinge -leben in Deutschland. Aus Ländern wie Sy-rien und Ruanda, Somalia oder Afghanistan. „Viele der Kinder“, sagt Eva-Maria Weigert, „haben Grausames erlebt, manche ihre Eltern verloren, einige kommen mutterseelenallein hier -an. In einem fremden Land, ohne -Perspektive!“

Dass Tanzen kleine Seelen heilen kann, hat sie in den letzten Jahren oft gesehen. Denn wer tanzt, der vergisst nicht nur seinen Schmerz, der entwickelt auch Selbstbewusstsein: „Ich möchte den Kindern zeigen, was in ihnen steckt. Dass sie wertvoll sind und dass es für sie einen Platz auf dieser Welt gibt.“ Viele ihrer Schützlinge haben diesen Platz gefunden, die Schule abgeschlossen, eine Ausbildung gemacht, eine Familie gegründet: „Sie haben hier Fuß gefasst und sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft“, erzählt die Münchnerin stolz. Zu fast allen hat sie noch Kontakt. Sie laden ihre „Tante“ zur Schulabschlussfeier ein, rufen an, wenn sie Rat brauchen. Woher Eva-Maria Weigert die Kraft nimmt, stets für sie da zu sein? „Wenn ich die Kinder sehe, schlägt mein Herz höher!“ Und die leuchtenden Augen von Zeynab und den anderen kleinen Schleier-Tänzern zeigen: Andersherum ist es genauso.

Stand 2014

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SPENDENKONTO FREUDENTANZ
Liga Bank eG, München
Konto 2346222 | BLZ 750 903 00
www.freudentanz.net