Patricia Carl (29), kämpft gegen Vorurteile

WAHRE GRÖßE KOMMT VON INNEN

Die Berlinerin misst 1,22 Meter: Sie ist eine von 100 000 kleinwüchsigen Menschen in Deutschland. Und der lebende Beweis, dass großartige Frauen nicht groß sein müssen

Sie trägt ihr Haar offen, zum beigen Pulli ein buntes Tuch. Patricia ist eine hübsche Frau. Wenn sie redet, sprühen ihre Augen Funken, fliegen ihre Hände umher. Die 29-Jährige ist witzig, eine gute Erzählerin – und so groß wie ein sechsjähriges Kind.

1200 verschiedene Ursachen gibt’s dafür, dass Menschen klein bleiben und sich gegen Vorurteile und Diskriminierung behaupten müssen. Als ehrenamtliche Vorsitzende des Bundesverbandes „Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e. V.“ (BKMF) macht Patricia klar, dass ihr Leben genauso lebenswert ist wie das von allen anderen. „Wir sind ganz normale Mitglieder der Gesellschaft. Wir wollen keine Sonderbehandlung, sondern einfach Akzeptanz.“

Wie groß der Aufklärungsbedarf ist, zeigen die geltenden deutschen Regeln für Schwangerschaftsabbrüche: „Kleinwuchs ist ein Indikator für Abtreibungen“, erklärt die Berlinerin. „Deshalb versuchen wir, betroffenen Eltern die Angst zu nehmen, Hilfestellung zu geben, zu informieren.“

So wie den Eltern von Noah (3) aus Hamburg. Als Jörn (34) und Franziska (32) wenige Tage vor der Geburt die Diagnose bekommen, sind sie überfordert. „Wir hatten Glück, dass uns ein Arzt gleich von Patricias Verein erzählte. Von der ersten Sekunde an waren wir nicht allein, wurden an die Hand genommen, beraten. Das war fantastisch!“ Heute, drei Jahre später, wissen Noahs Eltern durch den BKMF und den Kontakt zu anderen Eltern, wie sie Noah am besten fördern, worauf sie achten müssen. „Das Tollste ist das jährliche Vereins-treffen aller Mitglieder. Da werden mal nicht die Kleinen angestarrt, sondern wir Großen!“

Die Blicke, von denen Noahs Vater spricht, kennt Patricia seit ihrer Kindheit. Besonders, wenn sie mit ihrem Freund unterwegs ist: Florian (33) ist normalwüchsig, seit vier Jahren sind die beiden ein Paar. „Neugierige Blicke stören mich nicht. Aber die abfälligen, belustigten, die machen mich wütend. Oder wenn mich jemand ,Zwerg‘ oder ,Liliputaner‘ nennt. Ich bin ein Mensch, keine Märchenfigur!“

Patricia Carl und der BKMF e.V. bietet seinen 3500 Mitgliedern viel: Jugendseminare, psychologische Beratung, Hilfe bei Alltags-Herausforderungen, Kontakt zu Ärzten. Mit Erfolg: „Es ist toll zu sehen, wie wohl sich unsere Mitglieder in der Gemeinschaft fühlen, stärker werden. Schließlich geht es nicht darum, sich gegenseitig zu bemitleiden, sondern voneinander zu lernen!“

Hauptberuflich arbeitet Patricia im Bundesentwicklungsministerium: „Ich liebe meinen Job. Nicht alle Kleinwüchsigen haben das Glück, eine so gute Stelle zu finden. Die Vorurteile sind groß, auf der Straße und in der Arbeitswelt“, sagt sie und lacht.

Überhaupt lacht Patricia viel. Jedes Mal, wenn ihre Augen dann funkeln, ist klar: Glück hat nichts mit Zentimetern zu tun!

Stand 2014

11050 Carl11
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