Ninon Demuth (27) macht aus Fremden Freunde

Rezepte fürs Zusammenleben

Die Berlinerin zeigt mit „Über den Tellerrand e. V“, dass auch Freundschaft durch den Magen geht: Was als kleines Kochbuch-Projekt begann, ist eine riesige Community geworden – in der sich Geflüchtete und Einheimische treffen. Auf Herz- und Augenhöhe, mit ganz viel Spaß beim Kennenlernen.

Nach dem Abpfiff noch eine Apfelschorle: Die Fußballteams von Timur (25) und Meelo (26) haben 2 : 2 gespielt, lachend klatschen sich die Kapitäne ab. Meelo ist vor drei Jahren aus dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen, mit dem Berliner Timur verstand er sich auf den ersten Kick – in der „Über den Tellerrand“-Fußballgruppe. 450 Kilometer weiter südlich in Erlangen tanzen Karoline (24) und Mohammed (31) gerade mit zehn anderen Pärchen den „Dabke“, einen Folkloretanz aus dem Orient. So fröhlich, so ansteckend ist der, dass alle strahlen – auch Mohammed, der 2015 knapp dem Terror in Syrien entkam. Und Ina (26) und Mouhamed (28) aus Niger? Die beraten am Berliner „Tellerrand“-Herd gerade, ob die Bratlinge noch eine Minute können oder fix aus der Pfanne müssen. Mouhamed ist seit vier Jahren in Deutschland, in seiner Heimat hat er viel Schlimmes erlebt. Doch beim Kochen mit Ina und den anderen kann er das wenigstens für ein paar Stunden vergessen.

Hier am Herd hat auch alles angefangen. Es ist 2013, als immer mehr Flüchtlinge in Deutschland Schutz suchen. Studentin Ninon Demuth (27) sieht sie auf den Plätzen in Berlin, liest davon in der Zeitung, fragt sich mit Freunden, was sie selbst tun kann – damit das Zusammenleben gelingt. „Flüchtling – das ist doch nur ein Stempel“, sagt sie. „Wir müssen den Menschen dahinter sehen.“ Aber wie Deutsche und Heimatlose unverkrampft zusammenbringen? Die Idee ist schnell da: Beim Kochen, beim Essen lässt sich am besten über den Tellerrand schauen. Mit Kommilitonen geht sie in Flüchtlingsunterkünfte, kommt ins Plaudern – über syrischen Sesamkäse, arabisches Taboulé, ägyptisches Koschari.

„Gemeinsam lachen – das geht in jeder Sprache“

Ein Kochabend folgt dem nächsten, im Rahmen eines Uni-Wettbewerbs entsteht das Kochbuch „Rezepte für ein besseres Wir“ – das reißenden Absatz findet und viel mehr ist als eine Sammlung von Leckereien: Es ist ein Buch voller Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verloren haben, die ein neues Zuhause suchen und Freunde – und mithilfe des Vereins „Über den Tellerrand“ ganz oft auch finden.

Verständigungsprobleme? „Gemeinsam schnippeln, brutzeln, essen – das geht auch erst mal mit Händen und Füßen“, sagt Ninon. „Und um gemeinsam zu lachen, braucht man gar keine Sprache.“ Auf Augen- und Herzhöhe begegnen sie sich bei „Über den -Tellerrand“, ein Projekt, für das Ninon sogar zwei Jahre ihr Biotechnologie-Studium unterbricht. Mit ihrem Team organisiert sie Kochkurse, -veröffentlicht Kochbücher, die „Tellerrand“-Gemeinschaft wächst, in vielen Städten -entstehen neue Gruppen. „Heute haben wir 25 Ableger in ganz Deutschland und im Ausland“, sagt die Ingenieurin. „Jeden Monat nutzen allein in Berlin 600 Leute unsere Angebote.“

Gekocht wird immer noch. Aber auch gekickt, gesungen, gegärtnert, getanzt, gefeiert, gelernt. „Uns geht es nicht um die Unterschiede zwischen den Kulturen“, sagt Ninon, „wir suchen das, was uns -verbindet.“ Integration findet nicht in Talkshows statt, weiß Ninon Demuth, sondern im echten Leben. Da wo sich Menschen wie Timur und Meelo, Karoline und Mohammed oder Ina und Mouhamed kennen- und schätzen lernen.

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