Die Schwestern Tina Flohr (36) & Daniela Hinz (31) frisieren Obdachlose

Mehr als ein Haarschnitt – ein Stück Würde


Viele Leute schauen einfach weg, wenn sie einen Obdachlosen auf der Straße sehen. Aus Scham, Unsicherheit oder Gleichgültigkeit. Ganz anders die Mitglieder der „Barber Angels Brotherhood e. V.“: Sie gucken hin, stylen Bedürftige kostenlos – und wirken damit Wunder



Zögernd nimmt Melanie (41) auf dem Stuhl Platz, der vorm Frauenobdachlosenheim „Karla51“ in München steht. Ihre Haare sind verfilzt, ihre Hände zittern. Melanie ist vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtet, hat kein Zuhause, beim Friseur war sie ewig nicht. „Was für eine Frisur wünschst du dir denn?“, fragt „Barber Angel“ Tina freundlich. Melanie schweigt. Was sie sich wünscht – danach hat so lange keiner mehr gefragt. „Ach bitte, mach einfach“, flüstert sie und Tina legt los.

Mit Shampoohaube, Schere und Herzenswärme. Tina ist Gründungsmitglied der „Barber Angels“ (= Friseur-Engel), genau wie ihre kleine Schwester Daniela. In kerniger Kluft aus Leder und Nieten fahren die Schwestern aus Baden-Württemberg mit den „Barber Angels“ durchs ganze Land. Seit 2016 schenken sie Menschen am Rand der Gesellschaft Haarschnitt, Styling – und so viel mehr: Respekt, Aufmerksamkeit. Warum das Lederoutfit? „Das nimmt Berührungsängste“, erklärt Daniela. Tina lacht: „Rocker sind wir nicht. Wir rocken höchstens das Leben.“ Mehr als 350 „Barber Angels“ gibt es inzwischen. Sogar in Österreich, der Schweiz, Spanien und den Niederlanden schneiden sie auf öffentlichen Plätzen, manchmal auch in Wohnheimen Haare. Die Termine werden mit Bahnhofsmissionen, der Caritas und Kirchengemeinden abgestimmt. In Spitzenzeiten sind die Schwestern jedes Wochenende unterwegs – zusätzlich zum normalen Friseur-Job. „Für uns ist das ein Geschenk“, sagt Tina, „mit unserem Beruf Gutes tun und bewirken zu können.“ So wie bei Melanie: „Bin das wirklich ich?“ Als sie sich im Spiegel sieht, fließen Tränen. „Tina hat mich wie eine normale Kundin behandelt. Ich fühle mich wie ein Mensch, der etwas wert ist. Zum ersten Mal seit langer Zeit.“ Sie strahlt Tina an. „Für dieses Lächeln sind wir unterwegs“, sagt die Barber Lady. „Es geht um mehr als eine neue Frisur. Es geht um Lebensmut, Zuversicht, menschliche Wärme. So sind wir erzogen.“ Daniela erklärt: „Unsere Mutter kommt aus Kroatien, wir hatten nicht viel. Aber eines hatten wir im Überfluss: Liebe! Für uns, für andere.“ Tina nickt: „Unsere Mama hat uns beigebracht, Verantwortung zu übernehmen.“

Für Melanie ist der neue Haarschnitt der Start in ein neues Leben. „Irgendwas in mir hat Klick gemacht. Ich fing an, um mein Glück zu kämpfen.“ Heute, drei Jahre später, hat Melanie eine Wohnung, einen Job als Support-Technikerin und einen festen Partner. Michael (50) ist ihre große Liebe. „Ich bin glücklich. Das verdanke ich den ‚Barber Angels‘!“ Tina und Daniela bekommen bei solchen Sätzen „immer wieder Gänsehaut“. Dafür fahren sie am Wochenende los. Dass Daniela im Moment seltener dabei ist, liegt an Söhnchen David (1 Jahr). „Aber bald bin ich wieder mit von der Partie“, verspricht sie. Einmal Engel, immer Engel.

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